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Vulkanausbruch in Island: Ausbruch deutet auf beginnenden Vulkan-Zyklus hin

Der spektakuläre Vulkanausbruch in Island könnte der Auftakt zu 300 Jahre anhaltender Aktivität sein. Sechs Vulkangebiete schwingen zusammen in einem über 1000-jährigen Rhythmus.
Blick auf die Lavaspalte in Island.
Blick auf die frisch aufgerissene Vulkanspalte bei Grindavik.

Um kurz nach 10 Uhr abends Ortszeit am 18. Dezember begann er doch, der lang erwartete Vulkanausbruch auf der isländischen Reykjanes-Halbinsel im Südwesten von Island. Aus einer Eruptionsspalte, die sich im Lauf der Nacht auf rund vier Kilometer Länge erweiterte, stiegen Lavafontänen auf, zu beiden Seiten des Risses fließt geschmolzenes Gestein über die Landschaft. Damit ist die Ausbruchsspalte schon jetzt um ein Vielfaches länger als bei den Eruptionen in den Jahren 2021 und 2022, als die Risse jeweils nur einige hundert Meter maßen. Ihr Südende hat sich dem Ort Grindavik auf rund drei Kilometer genähert. Die etwa 3600 Einwohnerinnen und Einwohner mussten am 10. November den Ort verlassen, weil es Hinweise auf einen bevorstehenden Vulkanausbruch gegeben hatte.

Grindavik ist nach Angaben des Isländischen Meteorologischen Dienstes derzeit nicht durch Lava bedroht. Die Vulkanspalte befindet sich außerdem weniger als zwei Kilometer entfernt vom Hydrothermalkraftwerk Svartsengi und der Touristenattraktion Blaue Lagune, allerdings liegt dazwischen ein Höhenzug. Laut isländischen Medienberichten fließt der größte Teil des geschmolzenen Gesteins derzeit Richtung Osten in unbewohntes Gelände; im Norden vervollständigen Polizei und Rettungsdienste demnach derzeit einen Schutzwall, der Lava von der Zufahrtsstraße nach Svartsengi und Grindavik abhalten soll. Auch die vulkanischen Gase und Aschen werden zurzeit vom Wind von Ortschaften weggeblasen. Momentan sei der Flugbetrieb des nahe gelegenen Flughafens Keflavik durch die Eruption nicht gefährdet, heißt es auf der Website der isländischen Fluggesellschaft Icelandair.

Seit Ende Oktober hatten Erdbeben und Bodenbewegungen in der Region um Grindavik angezeigt, dass sich eine Masse geschmolzenen Gesteins im Untergrund von Nordosten in Richtung des Orts bewegte. Von dieser so genannten Intrusion geht auch der aktuelle Vulkanausbruch aus. Zu Beginn der Eruption strömten laut Schätzungen bis zu 200 Kubikmeter Lava pro Sekunde aus dem Spalt, das entspricht rund 1600 blauen Müllsäcken.

Seither hat sich die vulkanische Aktivität etwas beruhigt. Das bedeute aber nicht, dass die Eruption schon wieder nachlässt, schreibt der Isländische Meteorologische Dienst. Es habe sich lediglich ein Gleichgewicht eingestellt, ein Vorgang, der schon bei den Eruptionen der Vorjahre beobachtet worden sei. Auch die spektakulären Eruptionen entlang der ganzen Länge der Spalte, die in Videos des Ausbruchs zu sehen waren, dürften nicht lange anhalten. Im weiteren Verlauf des Ausbruchs dürfte sich die vulkanische Aktivität auf ein oder zwei Zentren konzentrieren, das jedenfalls legt der Verlauf der Ausbrüche in den vorherigen Jahren nahe.

Ein neuer Aktivitätszyklus

Während der Vulkanausbruch bei Grindavik für sich genommen keine Gefahr darstellt, ist er ein weiteres Indiz für eine potenziell besorgniserregende Entwicklung. Nach 800 Jahren relativer Ruhe nämlich scheinen die Vulkangebiete der Reykjanes-Halbinsel zu erwachen. Und sie folgen einem anderen Rhythmus als die meisten anderen isländischen Vulkane – über Jahrzehnte und Jahrhunderte bringen sie immer wieder Spaltenvulkane hervor, die Lava und Asche speien. Der Grund für das ungewöhnliche Verhalten: Die Reykjanes-Halbinsel ist jener Bereich, in dem ein untermeerischer Rücken auf Island trifft.

Island sitzt genau auf der Naht zwischen zwei großen Stücken der Erdkruste: der Nordamerikanischen Platte und der Eurasischen Platte. Beide bewegen sich in Ost-West-Richtung auseinander. An der Grenze zwischen ihnen befindet sich ein lang gestreckter untermeerischer Vulkanrücken, gebildet aus Gesteinsschmelze, die immer neu empordringt, um die Lücke zwischen den Platten zu füllen. Dieser Reykjanes-Rücken trifft an der Halbinsel auf Island, und die zuvor einfache Plattengrenze wird kompliziert.

Vulkanzonen der Reykjanes-Halbinsel | Südlich von Reykjavik geht die Spreizung des Mittelozeanischen Rückens in eine kompliziertere Verschiebung über, die sechs parallele Vulkangebiete entstehen ließ. Die jüngsten Ausbrüche fanden in der Eldvörp-Svartsengi-Zone (2) und der Fagradalsfjall-Zone (3) statt.

Nach Nordosten zieht sich von hier ein breiter Vulkangürtel über die Insel. Direkt Richtung Osten dagegen zieht sich die Südisländische Seismische Zone, ein Bereich, in dem die beiden Erdplatten beinahe parallel aneinander vorbeigleiten. Die Reykjanes-Halbinsel ist quasi das Gelenk zwischen diesen verschiedenen Ausprägungen der Grenze zwischen den Erdplatten. Wegen dieser Besonderheit besteht sie aus sechs lang gezogenen vulkanischen Zonen, die sich parallel zueinander von Südwesten nach Nordosten über die Halbinsel ziehen. Die sechs Vulkangebiete der Reykjanes-Halbinsel waren in den letzten Jahrtausenden fast immer gemeinsam aktiv.

Das scheint sich auch nun wieder anzukündigen. Mit dem Ausbruch von Grindavik meldet sich eine weitere Vulkanzone zurück. Im März 2021 war zuerst der Vulkan Fagradalsfjall ausgebrochen, der zur nach ihm benannten Vulkanzone gehört. Weitere Eruptionen am Fagradalsfjall folgten im August 2022 und im Juli 2023. Der aktuelle Ausbruch jedoch findet in der Eldvörp-Svartsengi-Zone statt, einem weiteren Vulkanstreifen westlich der Fagradalsfjall-Zone.

Das passt zum historischen Muster. Nach Ruhepausen von bis zu 1000 Jahren, so scheint es, erwachen die Vulkanzonen gemeinsam und produzieren über rund 300 Jahre hinweg immer wieder ergiebige Eruptionen. Das geschah zuletzt vom 10. bis zum 13. Jahrhundert; damals traten auf Reykjanes immer wieder sporadisch Ausbrüche aus bis zu zehn Kilometer langen Spalten auf. Die letzte Eruptionsserie während einer solchen Phase, von 1210 bis 1240, erzeugte rund 50 Quadratkilometer überdeckende Lavaströme. Die neuen Ausbrüche leiten womöglich erneute 300 Jahre vulkanischer Unruhe ein – wenige Dutzend Kilometer von der Hauptstadt Reykjavik entfernt.

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